Das Jüdische Viertel Kazimierz: Geschichte und lebendige Gegenwart

Krakau jüdisches Viertel Stadtführung Kazimierz

Es gibt Stadtteile, die man einfach abläuft — und es gibt Viertel, die man erlebt. Kazimierz in Krakau gehört zur zweiten Kategorie. Wer sich in die engen Gassen begibt, betritt einen Ort mit fast siebenhundert Jahren Geschichte: eine mittelalterliche Köningsstadt, ein Zentrum jüdischen Lebens in Mitteleuropa, ein Ort des Leids — und heute auch ein lebendiges, kreatives Stadtviertel voller Cafes, Musik und Kunst. Als Stadtführerin, die hier seit Jahren spazieren geht, fällt es mir schwer, nur einen Aspekt herauszugreifen. Lassen Sie mich deshalb alle vorstellen.

Eine Stadt in der Stadt: Die Gründungsgeschichte

Kazimierz wurde 1335 von König Kasimir dem Großen als eigenständige Stadt gegründet — erst 1791 wurde sie offiziell in die Stadt Krakau eingemeindet. Schon früh siedelten sich jüdische Familien hier an; spätestens ab dem 15. Jahrhundert bildete sich ein eigenständiges jüdisches Viertel heraus, das durch eine Mauer vom christlichen Teil der Stadt getrennt war.

In der Blütezeit war Kazimierz eines der bedeutendsten Zentren des aschkenasischen Judentums in Europa. Gelehrte, Händler, Handwerker, Rabbiner — das Viertel war voller Leben. Spuren dieser Epoche sind bis heute an jeder Ecke sichtbar.

Die Synagogen — sieben an der Zahl

Was Kazimierz von anderen historischen Vierteln unterscheidet: Es gibt hier nicht eine Synagoge, sondern sieben — auf engstem Raum. Jede hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Architektur und ihre eigene Gemeinde.

Die älteste und bedeutendste ist die Alte Synagoge (Stara Synagoga) in der Szeroka-Strasse. Erbaut im 15. Jahrhundert, ist sie eines der ältesten erhaltenen jüdischen Gotteshäuser in Polen und beherbergt heute ein jüdisches Museum. Gegenüber liegt die Remuh-Synagoge — kleiner, aber aktiv genutzt, mit dem angrenzenden Friedhof, auf dem Grabplatten aus dem 16. Jahrhundert erhalten sind. Am Grab des Rabbi Moses Isserles (Remuh) hinterlassen gläubige Juden aus aller Welt Wunschzettel und Steine.

Die Tempel-Synagoge aus dem 19. Jahrhundert ist die prächtigste: Ihre Innenausstattung mit Vergoldungen, Holzschnitzereien und Galerien erinnert an die großen Synagogen Wiens. Sie wird heute für Konzerte und kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Helena Rubinstein: Eine Krakauerin erobert die Welt

Zwischen jüdischen Restaurants und alten Bethäusern steht ein unscheinbares Haus in der Szeroka-Strasse: das Geburtshaus von Helena Rubinstein. Die 1872 geborene Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Kazimierz wanderte nach Australien aus und gründete dort ein Schönheitsimperium, das zur bekanntesten Kosmetikmarke des 20. Jahrhunderts wurde. Ihr Weg führte von diesen engen Gassen bis zu den Salons von New York und Paris — eine Geschichte, die gut in dieses Viertel des Aufbruchs passt.

Kazimierz heute: Szeneviertel mit Seele

Nach Jahrzehnten des Vergessens und des Verfalls erlebte Kazimierz in den 1990er Jahren eine Wiedergeburt — nicht zuletzt dank Spielbergs Film. Heute ist das Viertel so belebt wie seit Generationen nicht mehr: Der Plac Nowy, der ehemalige jüdische Marktplatz, ist das Zentrum des Nachtlebens; an Wochenenden drängen sich Einheimische und Touristen zwischen Flohmarktständen, Garkochen und Musikbühnen.

In den ehemaligen Bethäusern sitzen heute Cafes und Bars. Graffiti-Kunst ziert die Mauern neben Gedenktafeln. Jazz erklingt abends aus kleinen Clubs. Es ist eine Mischung, die anfangs befremden kann — aber bei näherer Betrachtung sehr krakauerisch ist: lebendig, vielschichtig, nie einheitlich.

Tipp: Kommen Sie am Freitagabend — dann findet in mehreren Restaurants und der Tempel-Synagoge die traditionelle Schabbat-Atmosphäre statt, manchmal mit Klezmer-Musik.

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